Wir sehen die Welt durch unsere Sprache

Der Titel fixte mich sofort an: „Im Spiegel der Sprache – Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht“*. Sprecher mehrerer Sprachen werden mir zustimmen, dass man in einer anderen Sprache (gezwungenermaßen?) anders denkt. Deutsche zum Beispiel interessieren sich immer sehr für Zahlen. Darauf stieß mich eine italienische Freundin, als ich ihr die hierzulande völlig normale Frage nach der Quadratmeterzahl ihrer neuen Wohnung stellte. „Ich weiß es nicht genau. Warum wollen das immer alle wissen?“

Tatsächlich – ich weiß gar nicht, warum ich das wissen will. Es ist eine Art Reflex. Genau wie beim Kinderfilmfestival der Berlinale: Dort stellen die Kinder JEDES MAL nach der Vorstellung die Frage, wie viele Menschen bei dem Film mitgewirkt haben und wie lange der Dreh gedauert hat. Zahlen geben uns Deutschen wohl irgendwie Halt. Auch wenn sie nicht wirklich etwas aussagen – weder über die Wohnung noch über den Film.

Der Autor des Buches, Guy Deutscher, nimmt sich nicht die Zahlen, sondern die Farben vor, um zu den Geheimnissen der Sprache vorzudringen. Dem englischen Gelehrten William Gladstone ist nämlich 1858 aufgefallen, dass mit den Farbbeschreibungen in den Werken des altgriechischen Barden Homer etwas nicht stimmt: Homer benutzte nur wenige Farbworte. Es gab sehr viel Schwarz, Weiß und ein bisschen Rot. Aber auch viele Beschreibungen, die gar nicht zu dem Objekt passen wollten („das weindunkle Meer“). Oft wurde ein und dasselbe Farbwort für Farben verwendet, die für uns grundverschieden sind. Es drängte sich der Verdacht auf: War Homer farbenblind? Und da es offenbar niemanden seiner Zeitgenossen störte – waren die alten Griechen alle farbenblind? Hat sich die Farbwahrnehmung vielleicht erst viel später in der Menschheitsentwicklung herausgebildet?

Ich möchte nicht zu viel verraten – nur ein kleiner Hinweis: Im Russischen gibt es kein Wort mit unserer Bedeutung von „Blau“. Es gibt „Dunkelblau“ („Sinij“) und „Himmelblau“ („Goluboj“). Wenn man auf Russisch etwas Blaues benennen will, ist man also gezwungen, jedesmal diese Unterscheidung zu treffen.

Genauso wie man im Deutschen spezifisch „Ich war gestern Abend mit einer Freundin unterwegs“ sagt, während das Englische „Last night I spent time with a friend“ das Geschlecht der Person offen lässt. Im Russischen hingegen muss man in diesem Satz auch sein eigenes Geschlecht angeben. „Vchera vecherom ja byla u podrugi.“ (Gestern Abend war (weiblich) ich bei einer Freundin.“ Es ist wirklich spannend, welche Informationen preiszugeben eine Sprache den Sprecher zwingt. Dass dies auch unser Denken prägen könnte, ist naheliegend – muss aber erst mal wissenschaftlich bewiesen werden.

Neben dem Thema Farbe, das einen Großteil des Buches einnimmt  – wer Farben langweilig findet, sollte es nicht lesen – geht es auch um so faszinierende Erkenntnisse wie die, dass das Englische noch im 11. Jahrhundert Genera für alle Substantive hatte (also geschlechtsspezifische Artikel wie „der, die, das“ im Deutschen), die dann über viele Generationen abgeschliffen wurden und verloren gingen. Ob Mark Twain das gewusst hat, als er sich so bitterlich über die deutsche Sprache beschwerte?

Für mich war das Buch eine aufregende Reise in das menschliche Denken und Wahrnehmen. Ich empfehle es allen, die sich für Sprache interessieren.

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Update: In der ZEIT gibt es einen sehr ausführlichen Artikel über die Macht der Sprache.

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